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Keussen, Rudolf
(erstellt am: 20.08.2008 - letzte Änderung: 18.01.2011 - aufgerufen: 760 Mal)

Keussen, Rudolf Ernst, Dr. phil. (Bonn, 1906) habil. (Köln,1921), * 24. August 1877 in Krefeld, + 28. Dezember 1944 in Bonn (bei einem Bombenangriff).

Vater: Dr. Hermann Keussen (1829-1894), Kreisschulinspektor in Krefeld, seit 1893 mit dem Titel „Stadtschulrat“, bekannt als Stadtgeschichtsforscher, alt-katholisch; Mutter: Wilhelmine, geb. Müller (1837-1905), alt-katholisch.

Verheiratet mit Klara Keussen, geb. Rothweiler (1885-1944), geboren in Villingen, alt-katholisch, am 25. Mai 1918.

Kinder: Renate (1919-1994), Gudrun (1920-200?), Rutger (1926; im Krieg vermisst).

1895 Reifeprüfung in Krefeld (Städt. Gymnasium), 1895 Studium der alt-katholischen Theologie in Bonn, 1898 theologische Abschlussexamen, 8. November 1898 Niedere Weihen und Subdiakonatsweihe (Bonn), 11. November 1898 Diakonatsweihe (Bonn), 16. Juli 1899 Priesterweihe (Bonn, Bischof Theodor Weber), im Sommer 1899 interimistische Leitung des Knabenseminars Paulinum in Bonn, 1. August 1899 Vikar in Konstanz, 1. Oktober 1902 Vikar in München, hier studierte Keussen bei H. Cornelius und ab 1904 in Bonn bei Benno Erdmann Philosophie und Geschichte, 1. Juli 1904 Assistent am Seminar für Philosophische Propädeutik (später Altkatholisches Seminar) der Uni Bonn (bis 1. Dezember 1908), Januar 1906 provisorische Leitung des Bischöflichen Seminars, 1. Mai 1906 Auftrag von Weihbischof Josef Demmel, die philosophischen Vorlesungen von Bischof Weber fortzusetzen, endgültige Bestallung hierzu am 18. März 1907, 27. Februar 1906 Promotion zum Dr. phil. bei Beno Erdmann in Bonn („Bewusstsein und Erkenntnis bei Descartes“), 18. März 1907 Ernennung zum Lehrbeauftragten für Theologie am Bischöflichen Seminar, 15. Dezember 1908 Ernennung zum Professor für Philosophie am Bischöflichen Seminar und zum Regens, Januar 1921 Habilitation in Philosophie an der Uni Köln („Die Staatsphilosophie des Thomas von Aquin“ und „Begriff und Aufgabe der Geschichte der Philosophie“), 29. Januar 1921 Antrittsvorlesung als Privatdozent in Köln („Sittlichkeit und Werturteile“), zum 23. April 1923 aus wirtschaftlichen Gründen (Auflösung des Bischöflichen Seminars) Wechsel ins Pfarramt nach Konstanz, 1925 Niederlegung der venia legendi in Köln, 2. Februar 1926 Pfarrer in Karlsruhe (bis 15. April 1936), 1. April 1936 Übertragung eines Lehrauftrags für „Religionsphilosophie, allgemeine und christliche Ethik, Religionspsychologie und Geschichte der Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der religionsphilosophischen Problemstellung“ an der Philosophischen Fakultät der Uni Bonn, gemeinsam mit Pfr. Friedrich Mülhaupt mit der Leitung des Seminars für Phil. Propädeutik betraut, 15. April 1936 Ernennung zum Professor am Bischöflichen Seminar in Bonn mit Lehrauftrag für neuestamentliche Exegese, 1936 Ernennung zum Ordinariatsrat (Vertretung des Bischofs und Leitung der Ausbildung der Theologen), 1. September 1939 Beauftragung mit der vertretungsweisen Wahrnehmung der ordentlichen Professur für die Heranbildung alt-katholischer Theologen in der Philosophischen Fakultät, zum 1. April 1942 Ernennung zum „ordentlichen Professor der Altkatholischen Theologie sowie Religionsphilosophie und christlichen Ethik“ an der Philosophischen Fakultät sowie alleinige Leitung des Altkatholischen Seminars, Antrittsvorlesung am 9. Dezember 1942 („Religion als Erlebnis, Mythos, Logos und Dogma“), Entpflichtung aufgrund Erreichung der Altersgrenze mit Ablauf des Monats September 1943, weiterhin kommissarische Leitung des Altkatholischen Seminars. 1943 Vertretung des Pfarrers in Koblenz während dessen Einziehung zur Wehrmacht oder bis Wiederbesetzung, bei einem Bombenangriff am 28. Dezember 1944 auf Bonn kam Keussen gemeinsam mit seiner Ehefrau im Keller ihres Hauses ums Leben.

Teilnahme an den ökumenischen Studienkonferenzen in Genf (1932), Rengsdorf (1933), Paris (1934) und an der Weltkirchenkonferenz in Oxford (1937). 1911-1937 Mitherausgeber der IKZ, Rücktritt wegen einer Auseinandersetzung über seine Haltung in Oxford 1937.

Mitglied der NS-Volkswohlfahrt (Beitrittserklärung vom 14. Oktober 1933).

Rudolf Keussens Existenz haftet etwas Tragisches an. Sein Lebensziel war die akademische Laufbahn, doch erreichte er dies erst kurz vor seinem Lebensende. Ein Zerwürfnis mit Professor Leopold Karl Goetz beendete 1908 seine Assistentenlaufbahn an der Uni Bonn, die Auflösung des Bischöflichen Seminars infolge der Inflation 1923 zwang ihn, eine Pfarrstelle zu übernehmen. Erst sein regimekonformes Verhalten bei der ökumenischen Weltkonferenz in Oxford 1936 brachte ihm die Zusage von Seiten der Regierung ein, er werde auf einen Lehrstuhl berufen. Doch letztlich zog sich diese Berufung bis 1942 hin – nicht zuletzt, weil die Philosophische Fakultät kein Interesse an Keussen hatte. Ihm wurde – wie schon bei seiner Habilitation in Köln – bescheinigt, zwar ein integerer Theologe und Philosoph zu sein, aber kein origineller Denker.

Keussens Verdienst für den Alt-Katholizismus besteht vor allem darin, dass er die Kirchen der Utrechter Union auf den verschiedenen Konferenzen der sich formierenden ökumenischen Bewegung vertrat und durch Artikel und Vorträge deren Themen und Anliegen innerhalb des Alt-Katholizismus vermittelte. In der deutschen alt-katholischen Kirche war er einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige Theologe, der die dafür notwendige Kompetenz besaß.

Während des Dritten Reiches ist bei Keussen der Versuch erkennbar, christliche Theologie und völkisches Denken miteinander zu verbinden. Auch wenn er dabei wesentlich differenzierter argumentierte als zum Beispiel der Begründer der KNB, Pfarrer Heinrich Hütwohl, näherte er sich zunehmende völkischem Gedankengut an und rezipierte die NS-Rassenlehre.

Nach dem Krieg ist innerhalb des Alt-Katholizismus kein Rückgriff auf Keussens theologische und philosophische Schriften festzustellen.

 

Werke: Theologie und Metaphysik, in: RITh 10 (1902) 377-383 / Joh. H. Newman, in: RITh 10 (1902) 736-760 / John Henry Newman. Eine Studie zur englischen Kirchengeschichte im 19. Jahrhundert. Sonderdruck aus dem „Deutschen Merkur„ 1901-02, Bonn 1902 / Über den Wahrheitsgehalt der Religion, in: RITh 11 (1903) 313-320, 557-564, 741-752 / Bewusstsein und Erkenntnis bei Descartes. Inaugural-Dissertation, Halle a.d.S. 1906 (60 S.) / Bewusstsein und Erkenntnis bei Descartes, Halle a.d.S. 1906 (Abhandlungen zur Philosophie und ihrer Geschichte, 22) (Nachdruck Hildesheim 1980) [erweiterte Diss.] (IX, 95 S.) / Thomas von Aquin. Sein Verhältnis zum Christentum und zur Philosophie, in: IKZ 1 (1911) 37-61 / Autorität und Freiheit. Eine historische und philosophische Untersuchung mit besonderer Beziehung auf das Verhältnis des Wissens zum Glauben, in: IKZ 2 (1912) 34-45, 198-209 / Johann Michael Sailers Absetzung an der Akademie zu Dillingen im Jahre 1794, in: IKZ 3 (1913) 172-194 / Katholizismus, Modernismus und Philosophie (Vortrag beim Kölner Kongress), in: IKZ 4 (1914) 530-543 / Betrachtungen über das Verhältnis der christlichen Ethik zu Staat und Kultur, in: IKZ 5 (1915) 121-131, 241-270; 7 (1917) 30-59, 225-239; 8 (1918) 28-63, 334-349; 9 (1919) 127-149 / Einige Bemerkungen zur Frage nach der Christlichkeit der Mystik, in: IKZ 6 (1916) 92-103 / Mystik und christliche Frömmigkeit. Ein Schlußwort, in: IKZ 6 (1916) 148-154 / Die Notwendigkeit philosophischer Bildung für den Theologen, in: IKZ 10 (1920) 178-194 / Dante und die Kirche. Ein Gedenkblatt zur 600jährigen Wiederkehr seines Todestages 14. September 1321, in: IKZ 11 (1921) 145-161 / Begriff und Aufgabe der Geschichte der Philosophie, Habil. Phil., Köln 1921, Manuskr. [unauffindbar]; Die Staatsphilosophie des Thomas von Aquin, Habil. Phil., Köln 1921, Manuskr. [unauffindbar] / Sittliche und religiöse Werturteile. Antrittsvorlesung gehalten bei der Habilitation als Privatdozent für Philosophie an der philosophischen Fakultät der Universität Köln, in: IKZ 12 (1922) 101-116 / Die Brigittabewegung zu Schweden, in: IKZ 13 (1923) 201-203 / Der Katholizismus und seine Ideale, in: IKZ 14 (1924) 1-21, 78-96, 165-180 / Der altkatholische Kirchengedanke, seine Hemmungen und seine Aussichten, in: IKZ 16 (1926) 65-84 / Zur religiösen und kirchlichen Lage der Gegenwart. Vortrag gehalten auf der Pfarrkonferenz anlässlich der Reichssynode in Koblenz, Juni 1930, in: IKZ 20 (1930) 129-145 / Die Willensfreiheit als religiöses und philosophisches Grundproblem, in: IKZ 21 (1931) 1-42, 65-91, 163-186; 22 (1932) 99-118, 193-225; 23 (1933) 30-51, 65-98; 24 (1934) 33-58 / Das Sozialethos des Alt-Katholizismus in Kirche und Verfassung der alt-katholischen Kirche, Genf 1934 / Naturrecht, Staat und Kirche in ihrem Verhältnis und ihrer Begrenzung, in: IKZ 24 (1934) 81-100 / Das moderne Staatsdenken und die Kirche. Betrachtungen zu der Aussprache auf der Pariser Studienkonferenz vom 8.-14. April 1934, in: IKZ 24 (1934) 169-199; 25 (1935) 82-92 / Das Problem der christlichen Sozial- und Staatsethik im Anschluss an die Stockholmer Konferenz und die ökumenischen Studienkonferenzen der letzten Jahre, in: IKZ 24 (1934) 241-253 / Lehre, Verfassung und Kultus der Altkatholischen Kirche, in: Friedrich Siegmund-Schulze (Hg.): Die Altkatholische Kirche, Gotha 1935 (Ekklesia. Eine Sammlung von Selbstdarstellungen der christlichen Kirchen, Bd. III: Die mitteleuropäischen Länder, 11), 40-53 / Die Willensfreiheit als religiöses und philosophisches Grundproblem, Freiburg i.Br. 1935 (226 S.) [Abdruck der gleichnamigen Artikel in der IKZ, um ein Nachwort ergänzt] / Volkstum und Rasse, Religion und Kirche. Die katholische deutsche Nationalkirche und ihre Aufgabe, Bonn [1935] (Schriftenreihe der „Katholisch-Nationalkirchlichen Bewegung e. V.”, 2) (16 S.) / Döllinger und die altkatholische Kirche, in: IKZ 26 (1936) 168-192 / In eigener Sache. Nachtrag zu meinem Aufsatz über Döllinger und die altkatholische Kirche, in: IKZ 27 (1937) 123-125 / Religion als Erlebnis, Mythos, Logos und Dogma, Bonn 1943 (Antrittsvorlesungen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn am Rhein, 18) (20 S.) /

Literatur: NN: Prof. Dr. phil. Rudolf Ernst Keussen, † 28. Dezember 1944, in: Chronik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn für das akademische Jahr 1939/40 bis 1948/49, Bonn o.J., 37 f. / Werner Küppers: Professor Dr. Rudolf Keussen zum Gedächtnis (1877-1944), in: AKVB NF 2 (1950) 14-16 / [Art.] Keussen, Rudolf, in: RGG³, Bd. 3, 1261 / Matthias Ring: Eine neue Periode. Ein Beitrag zur Geschichte des Alt-Katholischen Seminars der Universität Bonn, in: Günter Eßer, Matthias Ring (Hg.): Zwischen Freiheit und Gebundenheit. Festschrift zum 100jährigen Bestehen des Alt-Katholischen Seminars der Universität Bonn (1902-2002), Bonn 2002, 112-177, bes. 144-164 / Matthias Ring: „Katholisch und deutsch“. Die alt-katholische Kirche Deutschlands und der Nationalsozialismus, Bonn 2008 (siehe Stichwort „Keussen“).

Bitte wie folgt zitieren: Matthias Ring: Art. Keussen, Rudolf, in: Onlinelexikon Altkatholizismus, www.olak.de (Version 20. August 2008).

 



Autor: Matthias Ring
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